Zeitungsaartikel aus der Schwäbischen Zeitung vom 16. Januar 2012

Wie eine Familie am Boden war und wieder aufstand

Das „Löwenkinder“-Projekt unterstützt unverschuldet in Not geratene Ein-Eltern-Familien – Ein Schicksal

Von Barbara Sohler

Ravensburg - „Um ein Kind aufzuziehen bedarf es ein ganzes Dorf“ – so lautet ein afrikanisches Sprichwort. Angelehnt an diese Weisheit hat die Sonja Reischmann Stiftung das „Löwenkinder“- Projekt ins Leben gerufen. Ein-Eltern-Familien mit sehr geringem Einkommen sollen über einen längeren Zeitraum unterstützt werden, durch direkte, unbürokratische Hilfe. Zum Beispiel, wenn Winterschuhe im schmalen Budget einfach nicht mehr drin sind. Die Hilfe reicht aber bis hin zur Inobhutnahme in der Mutter-Kind-Wohnung, die die Stiftung eigens angemietet hat. Und selbst bei banalen Fragen wie „wo finde ich die günstigste Autoversicherung?“ oder „wo gibt es eine bezahlbare Winterjacke für meinen Sohn?“ wird das Team um Stiftungsvorsitzende Sabine Reischmann aktiv.

Unverzichtbarer Bestandteil des kleinen Team ist Familienhelferin Sabine Birker, die die „Löwenkindfamilien“ hautnah begleitet und zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Rat und Tat zur Seite steht. „Case Management leisten wir“, sagt Sabine Birker und schiebt nach: „Eine gewisse Zeit begleiten wir die Familien in allen Belangen. Danach werden sie in die Selbstständigkeit entlassen.“ Birkers Schatzkiste ist eine dicke Kladde, in der sie all ihre Netzwerkkontakte gebündelt hat.

Eine Handwerker-Handynummer? Bitteschön. Wer repariert samstags noch einen Kühlschrank? Sabine Birker hat eine Idee. Und natürlich steht die Familienpflegerin zur Seite, wenn bei den Frauen ein Termin beim Arbeitsamt ansteht, wenn für das Kind ein Schwimmkurs nötig wird oder die Frauen zur Entlastung eine Wahloma suchen. Britta F., eine Frau mit klarem Blick und starkem Willen, sagt: „Auch wenn ich mal nur ein Tief habe, dann kann ich Frau Birker immer mailen. Das beruhigt.“

Dabei liegt das wirklich tiefe Tief der Britta F. (Namen von der Redaktion geändert) schon etliche Monate zurück: Ihrem damaligen Lebensgefährten ist der Alkohol wichtiger als die Partnerin, ihr Sohn scheint in der häuslichen Umgebung immer öfter Angst zu haben. Zu den Eltern auf die Schwäbische Alb will sie nicht zurück, aber unbedingt weg aus der gemeinsamen Wohnung. Ihr Auto ist vollgepackt bis unters Dach, im Kindersitz zwischen ihren Habseligkeiten sitzt der kleine Collin. Die Krankenversicherung hat ihr schon vor Wochen gekündigt, das letzte bisschen Geld hat sie für Collins Milch ausgegeben. Plötzlich ist die Not greifbar. Existentiell. Und riesengroß. Britta F. weiß nicht mehr weiter und ruft zitternd bei der Notfallseelsorge an. Die reagiert sofort und informiert Sabine Reischmann von der Sonja Reischmann Stiftung: „Am Möbelhaus in der Südstadt ist eine Frau gestrandet, die keine Bleibe hat.“ Glücklicherweise ist das möblierte Ein-Zimmer-Appartement der Stiftung gerade unbewohnt - also wird Britta samt Sohn dorthin bugsiert. Sabine Birker besucht die verzweifelte Britta am nächsten Tag. Hört zu, macht Mut, schlägt Lösungen vor. Ein Jahr lang darf Britta schließlich dort wohnen bleiben, in einer Wohnung mit Küchenzeile, einem kleinen Fernsehgerät, einem großen Bett. Allemal groß genug für Britta und Collin.

Für Sabine Reischmann war damals sofort klar, dass kein Vermieter die alleinerziehende Britta mit dem 400-Euro Job als Putzhilfe haben wollen würde. Aber Sabine Reischmann spürte auch: „Diese Frau ist aufrecht und emsig.“ Und so startete praktisch zeitgleich mit Britta das „Löwenkinder“-Projekt. So viel persönliche und auch finanzielle Zuwendung darf natürlich nicht vergeudet werden. „Wir wollen auch keinem Stiftungstourismus Vorschub leisten“, sagt Sabine Reischmann und meint: Die Bedürftigkeit wird wirklich überprüft, Angaben werden kontrolliert, Chancen real eingeschätzt. Wer in das Löwenkinder-Projekt aufgenommen werden will, der muss im Kreis Ravensburg wohnen und entweder arbeiten oder zumindest ernsthaft willens sein, arbeiten zu gehen. Die Alleinerziehenden müssen belegen, dass sie weder durch das andere Elternteil noch durch Großeltern oder Verwandte vor Ort unterstützt werden können. Und darüber hinaus müssen die Familien einen Vertrag unterschreiben, eine sogenannte Zielvereinbarung. Denn die Hilfe soll als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden werden. Eine Art Anschubhilfe.

Das neue Leben

Der Fall von Britta F. ist für Sabine Reischmann ein voller Erfolg. „Britta ist eine echte Löwenmutter“, sagt Reischmann. Heute arbeitet die 41-Jährige als Halbtagskraft in einem Lebensmittelgeschäft. Mit großem Eifer hat sie sich in ihr neues Leben gestürzt, hat durch die Vermittlung der Stiftung eine große, helle und vor allem bezahlbare Wohnung gefunden. Dort kümmert sich die Nachbarin gerne mal um Collin, der mittlerweile zur Schule geht. Zusammen mit seiner Mama hat er in den Ferien ein Seminar besucht. Thema: Gewaltfreie Kommunikation. Auch das war ein Angebot der Stiftung. Das Seminar hat Mutter und Sohn gut getan und die beiden wieder ein Stück weitergebracht auf ihrem Weg in ein sorgenfreies Leben.


„Auch wenn ich mal nur ein Tief habe, dann kann ich Frau Birker immer mailen.“
Britta F.